Worüber ich nachdenke



Ich beginne zunächst mit einigen Gedanken, die mir damals nach dem Unfall durch den Kopf gingen. Es sind Dinge, die ich in später in meinen Vorträgen oft ansprach und wo sich im weiteren Verlauf interessante Diskussionen ergaben.
Dabei hatte ich den Eindruck, manchen konkret geholfen zu haben (feststellbar an Rückmeldungen per Telefon oder E-Mail).
Und genau das war in so einem Fall meine Absicht!

Es ist nicht so, dass sich meine Überlegungen auf meine Krankheit beschränken.
Im Gegenteil: da wäre noch die Schriftstellerei; da wären noch Gedanken zu Natur, Umwelt, Wandern uvm.
Aus diesen Bereichen möchte ich zukünftig hier Erweiterungen vornehmen.


Nun eine erste Thematik, die mich derzeit natürlich sehr beschäftigen musste:

Was bedeutet einem die Selbständigkeit?




In der Folge meines Unfalls 2009 ergab sich unter anderem genau diese Frage.
Denn: Wie stellte sich die Situation plötzlich dar?

 




Ich musste das Bett hüten und konnte es ohne Hilfen nicht verlassen. Mir wurde mit der Zeit klar, dass vieles nicht mehr sein würde wie vorher.
Darunter taten sich eine Reihe Selbstverständlichkeiten auf, die nun keine mehr waren:

Selbst laufen?
Selbst essen und trinken können?
Was darf ich überhaupt essen / trinken?
Inwieweit kann ich mir selbst überhaupt noch trauen?
Wie bewältige ich die so genannten Alltagstätigkeiten?
Was wird aus meiner beruflichen Tätigkeit als Lehrerin?
Würde ich wieder Auto fahren können / dürfen?
Wie sieht der nächste Urlaub aus? ...




Das Folgende enthält definitiv keinerlei Vorwurf:

Keiner konnte mir sagen, ob ich zu manchem je wieder in der Lage sein würde.

 

 




Denn solch eine Prognose zu stellen - das wäre entschieden zuviel verlangt gewesen von wem auch immer.
In diesem Zusammenhang fällt mir immer die Szene aus einer Krankenhausserie ein, in der die verzweifelte Frau auf den bewusstlos im Bett liegenden Ehemann zeigt und den Chirurgen fast anschreit:
»Versprechen Sie mir, dass er wieder gesund wird!!!«

- Und ich denke ständig bei so etwas:
Das kann keiner versprechen!
(auch wenn die emotionale Lage verständlich erscheint ...)



Konkreter schilderte ich meine Lage im Buch »Plötzlich ist alles anders« (Darstellung meiner »Krankengeschichte« und das Danach).

Deswegen greife in der Folge auf einige Passagen zurück.

 







 


Ort und Zeit dieses Beispiels:
rund zwei Monate nach dem Unfall in einem Krankenhaus.

... Mein Fortbewegungsmittel heißt »Rollstuhl«. Dass es sich hierbei um ein schweres Gerät handelt, merke ich immer an der Anstrengung, wenn mich jemand damit schiebt, insbesondere draußen vor der Klinik.
In den Rollstuhl setzen - wieder so eine Selbstverständlichkeit, die banal klingt.
Ist sie aber nicht.
Zunächst sollte das Gefährt neben dem Bett bereitstehen. Dann schiebe ich mich an den Bettrand und bringe die Füße auf den Boden. Nun drehe ich mich unter intensivem Festhalten so, dass ich gefahrlos im Rollstuhl landen kann (natürlich bei angezogenen Bremsen!). Das dauert seine Zeit, und helfen lassen will ich mir dabei so wenig als möglich. Dass jemand mit anwesend ist zur Kontrolle und zur Sicherheit - in Ordnung! So allmählich mache ich das aber nach Möglichkeit alleine, denn bei jeder Kleinigkeit fragen müssen - wer macht das schon gerne??
So steht der Rollstuhl oft neben dem Bett bereit für irgendwelche »Fahrten«.
Das Problem nennt sich bei solchen Dingen immer wieder »Selbständigkeit«. Eigentlich bin ich die ja gewöhnt, und ich möchte sie möglichst wieder. Jeden Minischritt dahin sehe ich als einen Erfolg. Jede banale Kleinigkeit, bei der ich ums Fragen herumkomme, erleichtert mich. Denn: sich helfen zu lassen - gut und schön, aber bitte nicht bis in alle Ewigkeit! (Käme es doch, dieses Problem, bliebe für mich sowieso nur der Weg, mich damit abzufinden ...).
Was könnten das für Kleinigkeiten sein? Sämtlich Dinge, woran man normalerweise keinen Gedanken verschwenden muss. Zum Beispiel möchte man am Morgen und am Abend ins Bad zum Waschen, Zähneputzen und Kämmen. Das kann ich inzwischen zum Glück endlich allein. Aber fangen wir an mit dem Vorgang »Ich begebe mich ins Bad«: In den Rollstuhl setzen und damit ins Bad fahren. Ja, klingt einfach. Bremsen des Rollstuhls lösen, ihn in die richtige Richtung drehen und anschließend fortbewegen, indem man mit den Händen die Räder schiebt. Natürlich erst einmal bis zur Badtür. Dann wieder neu ausrichten, um durch die Tür ins Bad zu gelangen. Aber möglichst ohne anzustoßen! Schön, dass hier ganz selbstverständlich keine hohe Schwelle an der Tür ist. Und so komme ich vorm Waschbecken an. Dort den Rollstuhl positionieren, Bremsen anstellen - die Kosmetik kann beginnen!

Wem das zu profan und unvorstellbar erscheint, der sollte rein aus Spaß einmal einen »Tag, an dem ich nicht laufen kann«, einschieben. Da spürt man um einiges besser, wie sich das anfühlt. Dazu kommt jedoch der Fakt, dass man das ausprobiert mit der Gewissheit: Wenn ich keine Lust mehr verspüre zu diesem Spiel, mache ich normal weiter, was denn sonst! Leider fehlt bei mir eine solche Tatsache. »Normal« ist abgeschafft ... eventuell für immer?? Toll, nicht wahr?

Weiter. Mehrmals am Tag muss man ja auf die Toilette gehen. Hoppla, wie war das? Gehen!? Na, jedenfalls komme ich ins Bad erst einmal mit dem Rollstuhl. Aber umsetzen aufs Klo möchte ich mich schon. Und vor dem Hinsetzen die Hosen herunter und sich dabei festhalten, dass ich nicht umfalle. Also mit der einen Hand das eine und mit der zweiten das andere. In einem behindertengerechten Bad wie hier gibt es ja glücklicherweise Griffe zur Unterstützung ...

Na ja, günstiger, das zu vergessen.




Eine Befürchtung, die sich bei der Physiotherapie in der Reha 2009 herausstellte:

 




 


... Am Ende unserer Stunde kommt das, was ich mir die gesamte Zeit heimlich gewünscht habe: das Schwimmen.
Ich bin selbst neugierig, wie das funktionieren wird. Die Therapeutin gibt mir die Gelegenheit, das zu probieren. Dort hinüber sind es ungefähr zehn Meter.
Der erste Schwimmstoß - oder das, was einer werden sollte. Jedenfalls gelange ich nicht übers Wasser wie gewohnt, sondern befinde mich plötzlich unter Wasser. Wo ist denn nun »oben«?? Also erst einmal alles sein lassen, damit ich von selbst wieder an die Oberfläche gelange. Leichter gedacht, als es klappt. Ich schlucke Chlorwasser, will atmen ... So eine große Wassertiefe haben wir doch eigentlich gar nicht?! 'Aber wo ist nun oben', denke ich fieberhaft, 'wo bin ich jetzt?!' Endlich bekomme ich schließlich den Boden unter die Füße, tauche auf und hole intensiv Luft.

Ein unerwarteter Schreck ... Was soll denn das wieder!? Ich bin ganz schön deprimiert. Das Schwimmen funktioniert nicht mehr!?
Muss ich mich wieder mit so etwas abfinden?! ...




Während der Reha im Jahr 2009 unternahmen wir oft Spaziergänge. Dabei wurde mir einiges bewusst, an das »ein normaler Mensch« überhaupt keinen Gedanken verschwendet:

   


Doch ich stelle erneut fest: Allein zurechtkommen ... ganz schwierig! Wo wir abbiegen müssen? Welche von den Querstraßen ist die richtige? Stimmt die Richtung? Grob gesehen, na ja. Allerdings nach einigen Straßenecken (links und rechts und schräg ...) sieht das schon anders aus. Zurückfinden wäre mir unmöglich. Klar, mich lässt niemand unvermittelt in der Landschaft stehen, wie man das so aus »Hänsel und Gretel« kennt. Aber dieses Gefühl: 'Selber kommst du jetzt nicht mehr zurück, da benötigst du unbedingt Hilfe!' - das ist einfach unschön.




Bei eines Einkaufes während der Reha und auch wenig später zu Hause:

 


 


Ums Bezahlen kümmere ich mich nicht, das erledigt Ralf. Auch aus dem Grund, dass ich zu solchen Dingen wie Portemonnaie öffnen und die richtigen Münzen herausnehmen unfähig bin. Ich finde das erneut unglaublich, aber das ist jetzt so.
In meinem Hinterkopf läuft eine Art Film ab, wie das wohl wäre, wenn ich das selbst bewerkstelligen wollte:
Ich ergreife das Portemonnaie und reiße es auf (denn »normales« Öffnen ginge da weniger). Dadurch fallen viele Münzen heraus und auf den Boden ringsum. Die hilfsbereiten Leute helfen beim Einsammeln des Geldes. Nun käme das Abzählen des Betrages. Nehmen wir an, es seien 7,83 Euro. Weil ich es selber nicht hinbekäme, die richtigen Münzen herauszusuchen (und zudem dauerte das ewig lange), begännen verständlicherweise die ungeduldig werdenden Blicke der Leute nach uns.
Also eventuell so? Ich reichte das Portemonnaie der Verkäuferin und ließe sie das passende Geld heraussuchen. Selbstverständlich täte sie das auch ... -
Schluss damit, alles nicht gut!




Im Nachhinein: Wie sehe ich das mit der Selbständigkeit?
Ich bin natürlich froh, dass ich nicht mehr bei jeder Kleinigkeit nachfragen muss, ob mir denn jemand helfen könnte.
Und ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Tatsache schlicht und einfach eine Menge Glück hatte.
Meine Sicht darauf, »sich von anderen helfen zu lassen«, ist eine andere geworden. Ich denke, es fällt mir jetzt leichter, diesbezüglich die Hilfe von Mitmenschen zu erfragen. Trotzdem bin ich mir dessen bewusst, dass die eigene Selbständigkeit kein erhebendes Privileg ist.
Und es handelt sich nicht um eine Gnade, andere, - »nicht Selbständige« - zu unterstützen (das war es für mich »vorher« auch nicht; jedoch ist mir die Problematik klarer geworden).




Über Rückmeldungen, die evtl. zum Gedankenaustausch führen könnten, freue ich mich sehr unter der E-Mail-Adresse »bvklemm@gmx.de« .